29. September 2000
Opel Sander RAK I 1929
Erster bemannter Raketenflug der Welt

Ende der zwanziger Jahre: Fritz von Opel dringt mit dem RAK-Raketenprogramm in völlig neue Welten der Antriebstechnik vor. Nach den erfolgreichen Starts mit raketengetriebenen Fahrzeugen katapultiert sich Fritz von Opel im September 1929 mit dem Opel-Sander RAK 1 in die Luft. Wie bei den zurückliegenden, erdgebundenen Versuchen sorgen auch hier Feststoff-Raketen für fulminanten Vortrieb. Nach aktuellsten Untersuchungen war dies der erste bemannte Raketenflug der Welt. Parallel zu diesen Flügen entwickeln die Rüsselsheimer in Zusammenarbeit mit dem Raketentechniker Friedrich Wilhelm Sander aber auch funktionstüchtige Flüssigkeits-Raketentriebwerke und strafen mit diesen Arbeiten die Kritiker Lügen, die das Opel RAK-Programm als reinen Reklame-Gag abkanzeln möchten.
Der Rüsselsheimer Urknall in Sachen Raketen-Zeitalter erfolgt im Herbst 1927. Nach einem Treffen mit dem Raketen-Visionär Max Valier beschließt Fritz von Opel, sich aktiv an der Entwicklung eines neuen "Raketen-Motors" zu beteiligen. Zur Umsetzung dieses ehrgeizigen Zieles schließt der Enkel des Firmengründers Adam Opel einen Vertrag mit Friedrich Wilhelm Sander, der sich mit raketengetriebenen Rettungsgeräten bereits einen Namen gemacht hat und sich ebenfalls von der Idee des Raketenmotors begeistern läßt. Die Zusammenarbeit liefert bald erste leistungsfähige Ergebnisse: Nach geheimen Probefahrten folgt am 11. April 1928 der erste öffentliche Start eines Raketenwagens auf der Opel-Rennbahn südlich von Rüsselsheim. Der RAK 1 getaufte Prototyp erreicht binnen acht Sekunden die 100 km/h-Marke - die Vorführung unter Augen der internationalen Presse wird ein voller Erfolg. Noch eindrucksvoller ist die Rekordfahrt des neu entwi-ckelten "RAK 2" auf der Berliner Avus am 23. Mai des gleichen Jahres. Das rund fünf Meter lange Experimental-Fahrzeug verfügt über zwei gewaltige Flügel mit negativem Anstellwinkel, die den errechneten Auftrieb kompensieren sollen. Um 10.40 Uhr ist es soweit: Fritz von Opel zündet per Fußpedal den "RAK 2". 24 Pulverraketen mit insgesamt 120 Kilogramm Sprengstoff katapultieren das Fahrzeug auf über 230 km/h. Im allge-meinen Freudentaumel kündigt Fritz von Opel weitere Aktivitäten an, die sich nicht nur auf den Erdboden beschränken sollen: "In der fünften Etappe werden wir zu bemannten Ra-keten übergehen...". "Raketen-Fritz" wird anlässlich dieser Aussagen zunächst belächelt. Die Öffentlichkeit und seine zahlreichen Kritiker müssen jedoch bald erkennen, das Fritz von Opel seine Ankündigungen durchaus ernst meint und das RAK-Programm konse-quent weiter voran treibt.
Nachdem der unbemannte "RAK 3" am 23. Juni des gleichen Jahres den Geschwindigkeitsrekord für Schienenfahrzeuge auf einer schnurgeraden Eisenbahnlinie bei Burgwedel von 215 auf 254 km/h treibt, folgen im Sommer 1929 die Vorbereitungen für den ersten Raketenflug. Julius Hatry, seines Zeichens Fluglehrer und -konstrukteur, entwickelt und baut für die Opel RAK-Versuche einen Hochdecker mit doppeltem Leitwerk. Dabei handelt es sich um das erste, speziell für den Raketenantrieb gebaute Flugzeug weltweit. Nach eingehenden Schleppversuchen und Experimentalflügen zur Erprobung und Entwicklung der erforderlichen Treibsätze steigt Fritz von Opel am 30. September 1929 erfolgreich mit einem RAK 1 in die Luft. Auf dem Frankfurter Flughafen, damals noch auf dem Rebstock-Gelände gelegen, erreicht er eine Höhe von gut 15 Meter und legt in eineinhalb Minuten knapp zwei Kilometer zurück. Damit war der erste öffentliche Raketenflug in der Luftfahrtgeschichte perfekt. Erstmals war es einem Menschen gelungen, ausschließlich mit Raketenkraft zu starten und in einen Steigflug mit anschließendem Streckenflug überzugehen. Die nötige Beschleunigung zum Abheben des RAK 1 erreichen die Konstrukteure mit einem Raketenschlitten, der das Flugzeug auf gut 100 km/h beschleunigt. Gleichzeitig zünden zwei sogenannte "Seelenraketen", zwei weitere dieser 40 Zentimeter langen und rund 6,5 Kilogramm schweren Treibsätze sorgen nach dem Verlassen des Raketenschlittens für weiteren Schub von insgesamt 96 Kilogramm und ermöglichen so den Steigflug. Nachdem Fritz von Opel weitere Raketen zum Weiterflug zündet, versagt dann der mit einem Akku betriebene Zündmechanismus. Fritz von Opel ist zur Landung in "....ungeeignetem Gelände....", wie es in zeitgenössischen Berichten heißt, gezwungen und zertrümmert beim Aufsetzen das Raketenflugzeug, bleibt aber unverletzt.
Neben diesem wegweisenden Raketenflug arbeiten von Opel und Sander aber auch an einer weitaus interessanteren Entwicklung. Bereits 1928 beginnen sie unter strengster Geheimhaltung mit der Konstruktion eines Flüssigkeits-Raketentriebwerkes und stehen damit in direkter Konkurrenz zu Forschergruppen um die gemeinhin als Raketenpioniere bekannt gewordenen Professor Herman Oberth, Wernher von Braun, Johannes Winkler oder Arthur Rudolph. Bereits im April 1929 testen sie zwei Raketen, in denen ein mit flüssigen Brennstoffen betriebener "Reaktionsmotor" für enormen Schub sorgt. Die Versuche enden mit dem Verlust der beiden Raketen, die wie Geschosse die Startrampe verlassen und anschließend nicht mehr gefunden werden. Nach diesen erfolgreichen Tests entsteht ein Raketenmotor, der auf dem Rüsselsheimer Werksgelände über eine Brenndauer von rund einer halben Stunde einen Dauerschub von circa 300 Kilogramm entwickelt. Ein Triebwerk dieser Bauart verpflanzen die Pioniere schließlich in ein G.M.G.-Leichtflugzeug (Gebrüder Müller, Griesheim), das auf der Opel-Bahn praktische Tests und Rollversuche übersteht. Zu dem ursprünglich geplanten Flug Fritz von Opels über den Ärmelkanal kommt es jedoch nicht mehr. Die Opel-Sander-Raketenversuche enden im Herbst 1929. Fritz von Opel muss seine Arbeiten einstellen, da einerseits die Weltwirtschaftskrise ihren Tribut fordert, andererseits der neue Mehrheitseigner General Motors sich auf das Fahrzeuggeschäft konzentrieren will. Die Verwirklichung seiner Visionen konnte Fritz von Opel noch selbst erleben: Im August 1939 hob das erste serientaugliche Strahlflugzeug der Welt vom Boden ab, die Heinkel HE 178. Der Russe Juri Gagarin stieß als erster Mensch am 12. April 1961 in den Weltraum vor, und Neil Armstrong betrat am 21. Juli 1969 als erster Mensch den Mond.
Welche Tragweite diese RAK-Entwicklungsarbeiten 1928/1929 hatten, wird angesichts der Ergebnisse der anderen Forschergruppen deutlich, die ähnlich leistungsfähige Flüssigkeits-Triebwerke erst Anfang der dreißiger Jahre präsentieren können. Ein weiteres Indiz, dass von Opel und Sander ihrer Zeit weit voraus waren, liefern die deutschen Machthaber Mitte der dreißiger Jahre. Sie wollen alle Aktivitäten in dieser Richtung unter eigener Kontrolle halten, unliebsame Konkurrenten werden konsequent ausgeschaltet. Sander, der nach seiner Trennung von Opel als Privatunternehmer die Raketenentwicklung weiter vorantreibt, wird von der Gestapo verhaftet. Seine Firma muss er nach fadenscheinigen Anklagen verkaufen, sämtliche Unterlagen werden beschlagnahmt. Ähnliches ereignet sich in Rüsselsheim: Hier werden alle Unterlagen, Konstruktionszeichnungen und Rechnungen konfisziert. Ein Großteil dieser Dokumente ist für immer verloren oder ihr Verbleib ungeklärt. Ebenso verloren, verschollen oder zerstört sind alle RAK-Experimental-Fahrzeuge und -Flugzeuge.
Anläßlich der außerordentlichen Bedeutung für die gesamte Raketenentwicklung überhaupt entschloß sich die Adam Opel AG, einen Nachbau des legendären Opel Sander-RAK I nach teilweise erhaltenen, authentischen Unterlagen und Angaben von Julius Hatry in Auftrag zu geben. Den Bau dieser Replik übernahm die Augsburger Flugzeugwerft Bitz GmbH, die in diesem Jahr die RAK I wieder auferstehen ließ. Diesen perfekten, mit Originalmaterialien ausgeführten Nachbau nutzt die Adam Opel AG zu Ausstellungszwecken, um die Innovationsfreude und gewachsene, technische Kompetenz des Unternehmens darzustellen. Denn die Erforschung und Entwicklung neuer Antriebstechnologien gehörte und gehört zu den vorrangigen Unternehmenszielen, wie die RAK-Versuche aus den Zwanzigern, die Probeläufe mit Elektrofahrzeugen in den Siebzigern oder die jüngsten Versuche und Prototypen zum Thema Brennstoffzelle belegen.